Kurzinhalte:
Schach von Wuthenow
Berlin im Jahre 1806: Der Rittmeister Schach von Wuthenow verkehrt seit längerem im Hause der Witwe Carayon und ihrer Tochter Victoire.
Bei einer Landpartie verliebt sich Victoire in
Schach, glaubt jedoch, da sie durch Blatternarben entstellt ist, keine Chance
bei dem schönen und eitlen Offizier zu haben.
Eines Tages trifft Schach sie bei einem Besuch allein zu
Hause an. Victoire ist fiebrig und erregt, Schach läßt sich hinreißen und es kommt zu einer flüchtigen
sexuellen Vereinigung. In der folgenden Zeit vermeidet Schach eine neue
Begegnung. Als Victoire ihrer Mutter ihre
Schwangerschaft eingesteht, fordert diese Schach unmißverständlich
auf, ihre Tochter zu heiraten. Schach ist von dieser Zukunftsperspektive
zutiefst erschrocken, weil er seinen gesamten Lebensplan dadurch umgestoßen
sieht. Doch er entschließt sich, die Konsequenzen seines Fehltritts auf sich zu
nehmen, und verspricht die Heirat.
Kurz darauf bekommt Schach in einem anonymen Brief
Karikaturen zugeschickt, die er auch bald in einem Schaufenster sieht. Sie
stellen in boshafter Überzeichnung sein Verhältnis zu Victoire
dar. Schach empfindet den Angriff als derart unerträglich, daß
er Berlin verläßt und sich auf sein Landgut
zurückzieht. Dort faßt er nach einigem Schwanken den Entschluß, die Ehe um jeden Preis zu vermeiden.
Frau von Carayon ist über den
Rückzug Schachs empört und interveniert beim König, der ihrer Bitte entspricht
und Schach ultimativ an seine Pflicht erinnert. Schach, der inzwischen
entschlossen ist, sich der Situation durch Suizid zu entziehen, entschuldigt
sich bei den Carayons und bekundet seine Bereitschaft
zur Heirat. Das Hochzeitsfest verläuft scheinbar fröhlich und unbeschwert. Nach
seinem Abschied von Victoire erschießt sich Schach in
seiner Kutsche.
Ein knappes Jahr später schreibt Victoire
von Carayon aus Rom an ihre Freundin Lisette einen
Brief, in dem sie ein wohlwollendes Urteil über Schachs Persönlichkeit fällt.
Sie berichtet, daß ihr Kind krank gewesen und, wie
sie glaubt, durch die Hilfe einer Bambino-Figur gerettet worden sei, die im
(katholischen) Gotteshaus Araceli kultische Verehrung
genießt. Victoire ist glücklich und von tiefer
Dankbarkeit erfüllt.
Theodor Fontane, Schach von Wuthenow:
Kurzinhalt. In: Bibliothek X·libris:
Theodor Fontane, CD-ROM. München
1996.
Irrungen Wirrungen
Die junge Lene Nimptsch, ein
Mädchen aus der Arbeiterschicht, hat mit einer Freundin und deren halbwüchsigen
Bruder eine Kahnfahrt auf dem Stralauer See
unternommen; durch die mangelhaften Ruderkünste des Jungen wäre es fast zu
einem Zusammenstoß mit einem Linienschiff gekommen. Zwei Herren, die mit ihrem
Boot in der Nähe waren, retteten sie in letzter Minute. Einer dieser Herren ist
der junge Baron Botho von Rienäcker, der Lene seitdem
regelmäßige Besuche abstattet. Lene wohnt mit ihrer
alten Mutter in einem kleinen Häuschen auf dem Gelände einer Gärtnerei, die dem
Ehepaar Dörr gehört. Sie ist sich über die Begrenztheit dieser Beziehung im
Klaren, auch wenn Botho diesem Thema ausweicht.
Bothos Onkel Kurt Anton bestellt ihn zu einer Unterredung,
die trotz ihres freundschaftlichen Charakters die Macht der Verhältnisse
deutlich werden läßt. Botho ist nämlich seiner
reichen Kusine Käthe von Sellenthin so gut wie
versprochen, und abgesehen von dem Affront, den ein Bruch dieses Heiratsversprechens
bedeuten würde, läßt seine finanzielle Situation das
auch gar nicht zu: Botho würde schlicht verarmen, wenn er die reiche Käthe
nicht heiratet.
Botho versucht, der Notwendigkeit auszuweichen, und erzählt
Lene nichts von seinen Problemen. Sie unternehmen gemeinsam mit der Gärtnersfrau Dörr einen Spaziergang und machen einige Tage
später zu zweit einen Ausflug nach einem Gasthaus außerhalb der Stadt. Dort
verbringen sie ihre einzige gemeinsame Nacht. Am nächsten Tag begegnen sie drei
Kameraden Bothos, die mit ihren Mätressen eine Landpartie machen. Die
Zweisamkeit ist empfindlich gestört, und sie treten betrübt die Heimfahrt an.
Am nächsten Tag erhält Botho einen Brief seiner Mutter, der ihm die
Unaufschiebbarkeit der Heirat mit seiner Kusine vor Augen führt. Den Tag darauf
nimmt Botho Abschied von Lene.
Einige Wochen später heiratet Botho Käthe von Sellenthin. Die Ehe verläuft zwar äußerlich harmonisch,
doch Botho kann sich mit der Albernheit seiner jungen Frau nicht recht
abfinden. Als Lene Botho zufällig auf der Straße sieht, faßt
sie den Entschluß, mit ihrer alten Mutter in ein
anderes Stadtviertel zu ziehen. Dreieinhalb Jahre später stirbt die Mutter.
Botho erhält Besuch von einem Herrn namens Gideon Franke, der beabsichtigt,
Lene zu heiraten, und sich daher nach der Art ihres Verhältnisses mit Botho
erkundigen will. Botho gibt ihm bereitwillig Auskunft, und Gideon Franke zieht
beruhigt ab. Botho, der erst jetzt erfahren hat, daß
die alte Frau Nimptsch gestorben ist, fährt zum
Friedhof und legt einen Kranz auf ihr Grab. Als Käthe wenig später von ihrer
Kur zurückkommt, findet sie eines Tages in der Zeitung die Heiratsanzeige von
Lene Nimptsch und Gideon Franke. Wie es ihre Art ist,
amüsiert sie sich über die seltsam klingenden Namen, ohne von Bothos innerer
Bewegung irgendeine Kenntnis zu nehmen.
Theodor Fontane, Irrungen Wirrungen: Kurzinhalt. In: Bibliothek X·libris: Theodor Fontane, CD-ROM. München
1996.
Zu den Werken:
Schach von Wuthenow
Wie die meisten Romane und Erzählungen Theodor Fontanes
beruht auch Schach von Wuthenow auf einer wahren
Begebenheit, die vom Autor allerdings stark verändert und völlig seinen
künstlerischen Absichten untergeordnet wurde. Fontane hörte vermutlich im Jahre
1862 zum ersten Mal von der Geschichte des Majors Otto Friedrich Ludwig von Schack, der sich 1815 zur Behebung seiner Finanznöte, zur
Heirat mit Victoire von Crayen
entschloß. Major von Schack
war ein leichtsinniger Lebemann und bekannter Frauenheld, Victoire
von Crayen ein gebildetes und feinfühliges, doch
leider nicht sehr schönes Mädchen. Noch bevor es zur Verlobung kam, brachte
sich Major von Schack um, da er den Spott seiner
Kameraden fürchtete.
Fontane hat daraus eine Erzählung gemacht, die mit den
tatsächlichen Ereignissen wenig zu tun hat. Zunächst einmal hat er sie in eine
andere Zeit verlagert: Die Handlung spielt im Jahre 1806, genauer gesagt
beginnt sie Ende April 1806 und endet Mitte September desselben Jahres; den Abschluß bilden zwei Briefe, von denen der erste
unmittelbar nach Schachs Tod verfaßt ist, der zweite
ein knappes Jahr später. Auf den Tag genau einen Monat nach dem Datum des
ersten dieser Briefe liegt eines der bedeutsamsten Ereignisse der preußischen
Geschichte: Die Schlacht bei Jena und Auerstedt am
14. Oktober 1806. Diese Schlacht bedeutete nicht nur eine Niederlage Preußens
gegenüber Napoleon, sie bedeutete viel mehr. Die preußische Armee löste sich
nach dieser Schlacht auf, die Festungen und Berlin kapitulierten, das
Königspaar floh nach Memel, und Preußen wurde von Napoleons Truppen besetzt. Es
war nicht nur der Untergang einer Armee, sondern der Untergang einer Staats-
und Gesellschaftsform: Denn das Preußen, das sich nach dieser Schlacht wieder
konsolidierte (und im Jahr 1813 den Sieg über Napoleon davontrug), war nicht
mehr dasselbe Preußen Friedrichs des Großen, sondern es war das Preußen
pragmatischer Staats- und Militärreformer.
Der Untergang des alten Preußens ist also über den ganzen
Roman hinweg präsent, auch wenn die Schlacht und ihre Folgen mit keinem Wort
erwähnt werden. Von vornherein steht die Geschichte unter dem Zeichen des
nahenden Untergangs; schon der Untertitel »Erzählung aus der Zeit des Regiments
Gensdarmes« siedelt die Handlung in einer vergangenen
Epoche an: Das Regiment Gensdarmes wurde bei Jena und
Auerstedt komplett gefangengenommen
und nach 1806 nicht wieder aufgestellt.
ontane
beschränkt sich nicht darauf, den Zeitpunkt der Handlung in einer
bestimmte historische Situation anzusetzen, er läßt
die historische Situation in einer Vielzahl von Figuren lebendig werden, die
der zeitgenössische Leser alle mehr oder weniger gut aus der Geschichte kennt.
So hat nicht nur der Militärschriftsteller Bülow tatsächlich zu dieser Zeit
gelebt, auch der Verleger Sander ist eine historische Persönlichkeit (wenn er
auch nicht der Verleger der Schriften des historischen Bülow war). Auch Alvensleben, Nostiz und Zieten
sind historische Figuren, das Drama Die Weihe der Kraft von Zacharias Werner
wurde tatsächlich im Jahr 1806 aufgeführt; August Wilhelm Iffland war einer der
berühmtesten Schauspieler dieser Zeit, ebenso gab es den Kapellmeister und
Klaviervirtuosen Dussek. Auch die Großen der
Geschichte haben ihre Auftritte in der Erzählung: Prinz Louis Ferdinand von
Preußen, der vier Tage vor der Schlacht bei Jena und Auerstedt
im Gefecht von Saalfeld fiel, die Königin Luise und natürlich König Friedrich
Wilhelm III., der der Überlieferung zufolge tatsächlich mit seinen Untergebenen
nur im Infinitiv sprach, wie er es mit Schach tut.
Dem Regiment Gensdarmes gehört
auch der Titelheld der Erzählung an, und er nimmt innerhalb dieses Regiments
eine Sonderstellung ein: Er ist, wie sein Kamerad Alvensleben
formuliert, »einer unsrer Besten«. Schach unterscheidet sich von den meisten
seiner Regimentskameraden durch seine unbedingte Ernsthaftigkeit und Loyalität.
Es ist eine Loyalität aus Prinzip, Schach ist seinem ganzen Selbstverständnis
nach ein Vertreter des alten, friderizianischen Preußen. Daß
er nie an der militärischen Stärke Preußens zweifelt, sondern – wenige Monate
vor dem Untergang – immer noch glaubt, »daß die Welt
nicht sichrer auf den Schultern des Atlas ruht als Preußen auf den Schultern
seiner Armee«, ist keine in der Realität begründete Überzeugung, sondern ein
Ausdruck eben jener unbedingten Loyalität, die jeglichen Zweifel an der
preußischen Überlegenheit schlicht verbietet. All das zeichnet Schach
keineswegs als Mann von großen intellektuellen Fähigkeiten aus; er ist, wie Victoire sagt, ein Mann, der nur über eine »mittlere
Gescheitheit« verfügt.
Bülow, der gleich im ersten Kapitel als Gegenspieler
Schachs eingeführt wird, ist ihm zweifellos geistig weit überlegen. Bülow
gehört zur Gruppe der »Frondeurs«, er opponiert prinzipiell gegen alle
»preußischen Glaubensartikel« und ist überzeugt, daß
Preußen gegen das napoleonische Frankreich nicht die geringste Chance hat. Er
sieht nicht nur Staat und Militär, sondern auch den Protestantismus im Verfall
begriffen. Seine Kritik basiert dabei auf einer reinen Fortschritts-Ideologie:
Er sieht überall »Unnatur« und »Künstlichkeit«, und alle »künstlichen Größen«
sind seiner Überzeugung nach zum Untergang verurteilt, weil es ihnen an »Kraft«
fehlt.
Was nun geschieht, erfahren wir erst später, als Victoire ihrer Mutter beichtet, daß
sie schwanger ist. Warum hat sich der zurückhaltende Schach, der, wie Victoire sagt, »etwas konsistorialrätlich Feierliches« hat,
derart hinreißen lassen? Bülow hat eine eindeutige Antwort parat: »Wie lag es
denn? Ein Offizier verkehrt in einem adligen Hause; die Mutter gefällt ihm, und
an einem schönen Maitag gefällt ihm auch die Tochter, vielleicht, oder sagen
wir lieber sehr wahrscheinlich, weil ihm Prinz Louis eine halbe Woche vorher
einen Vortrag über 'beauté du diable'
gehalten hat.«
Doch so einfach liegt der Fall bei Schach nicht: Dem
seltsamen Vortrag von Prinz Louis hat Schach eher mit Widerwillen zugehört, es
ist kaum anzunehmen, daß er von diesen Kapriolen
sonderlich überzeugt wurde. In der gesamten Szene mit Victoire
bleibt Schach – wie überhaupt in der ganzen Erzählung – der Reagierende, man
kann sogar sagen: der Überwältigte. Erst als sie aus der Rolle fällt, gibt auch
er seine Zurückhaltung auf, erst als ihre aufgewühlten Gefühle hervorbrechen,
geraten auch Schachs Gefühle in Wallung, und erst dann sieht er die Worte des
Prinzen in einem anderen Licht. Da Schach immer aufrichtig ist und niemandem
etwas vorspielt, muß man auch davon ausgehen, daß sein Ausruf »War ich denn blind?«
ehrlich gemeint ist: Er sieht Victoire tatsächlich
mit anderen Augen, seine Wahrnehmung hat sich für einen Moment verändert. Die
Intensität von Victoires hervorbrechenden Gefühlen
ist dafür verantwortlich, so daß der Prinz
schließlich tatsächlich recht hat mit seiner Behauptung: »wer die Kraft der
Liebe hat, ist auch liebenswürdig«.
Wie falsch Bülow Schach sieht und wie wenig er in der Lage
ist, seiner Persönlichkeit gerecht zu werden, wird vor allem deutlich, als er
behauptet, »Schachs Eitelkeit hat ihn zeitlebens bei voller Herzenskühle
gehalten«. Schach mag eitel sein, doch er hat kein kaltes Herz, im Gegenteil
ist er mitfühlend und läßt sich viel zu leicht
hinreißen.
So ist er durchaus bereit, einer Heirat zuzustimmen, doch
das Erscheinen der Karikaturen wirft ihn völlig aus der Bahn, und er tritt eine
regelrechte Flucht nach Wuthenow an. Dort treiben ihn
die Motten – ein Symbol seiner quälenden Gedanken – aus dem Haus, und er findet
erst wieder Schlaf, als er mit einem Boot auf dem See treibt. Diese Szene ist
oft als symbolische Vorwegnahme seines Todes gedeutet worden – doch ein anderer
Aspekt steht noch mehr im Vordergrund: Als er aufwacht, ist er wirklich
erquickt, seine Kraft ist zurückgekehrt, und er nimmt die boshaften Angriffe auf
seine Person zumindest für kurze Zeit nicht mehr so ernst. Das naturnahe Leben,
so sehr es ihn schreckt, hätte also auch sein Gutes, denn die Natur kann ihn
offenbar von dem Druck befreien, den die Gesellschaft ihm aufbürdet. Zurück in
der Zivilisation, kommen die quälenden Gedanken bald wieder.
Aber erst ein weiteres Phantasiebild seiner Zukunft, das
offensichtlich das erschreckendste für ihn ist, führt
die Entscheidung herbei: Er stellt sich vor, daß Victoire und er selbst sich eines Tages für die
Ahnengalerie malen lassen würden. Er würde im Rang eines kleinen Rittmeisters
zwischen die Bilder seiner Vorfahren einrücken, die allesamt Generäle und
Oberste waren, dekoriert mit dem Schwarzen Adlerorden oder dem Pour le Mérit, und das Bild der häßlichen
Victoire würde zwischen denjenigen der schönen Frauen
hängen. Und so sehr die Lebendigkeit und die kraftvolle Emotionalität Victoires ihn einmal bezaubern konnten – Schach weiß doch, daß der Porträtmaler nichts anderes fixieren könnte als die
unschöne Oberfläche. Erst jetzt kommt es zur unwiderruflichen Entscheidung, dem
eindeutigen »Nein, nein«.
Als der König ihn aufgrund des Bittgesuchs von Victoires Mutter zwingt, Victoire
zu heiraten, bleibt er bei dieser Entscheidung. Er heiratet Victoire,
gibt ihr damit seinen Namen und schützt ihre Ehre durch die Legitimation des
Kindes. Liebevoll nimmt er von ihr Abschied, dann zieht er die tödliche
Konsequenz.
Die beiden Briefe, die den Schluß
der Erzählung bilden, reflektieren noch einmal die Person Schachs aus
verschiedenen Perspektiven. Bülow, der ihn nie leiden konnte, sieht auch seinen
Suizid aus einem verzerrten Blickwinkel. Seiner Überzeugung nach ist der
»Schach-Fall« ein Symptom des allgemeinen Zustands der preußischen
Gesellschaft, die künstlich und hohl geworden ist. Er sieht ihn als Teilnehmer
an einem »Kultus der falschen Ehre«, als Repräsentant einer »Welt des Scheins«,
an der auch der preußische Staat zugrunde gehen wird. Hinsichtlich der
Gesellschaft und der militärischen Elite liegt Bülow offensichtlich richtig:
Wie die von Schachs Kameraden inszenierte »Schlittenfahrt« beweist, geht es einem
großen Teil der Offiziere des Eliteregiments wirklich nur darum, von sich reden
zu machen. Für sie zählt nur der Effekt, für den sie bereit sind, alle Werte in
den Schmutz zu ziehen. Bülow irrt sich nur darin, daß
er Schach für einen typischen Repräsentanten dieses Gesellschaftszustands hält.
Das Gegenteil ist der Fall: Schach nimmt an der Schlittenfahrt nicht teil, weil
er mit der Herabwürdigung Luthers nichts zu tun haben will. Die Werte und
Ideale, denen er sich verschrieben hat, verteidigt er nicht nur zum Schein, er
will sie mit Leib und Seele verkörpern. Er will der absolut tadellose, in jeder
Hinsicht perfekte preußische Offizier sein – und an diesem Perfektionismus geht
er zugrunde.
Victoire
nimmt ihn völlig anders wahr, sie sieht das Individuum Schach, wo Bülow ein
typisches Symptom zu sehen vermeint. Sie ist daher in der Lage, seine wahren
Motive zu erkennen: Es war kein verblendeter »Kultus«, dem Schach anhing, es
war »die Stimme seiner eigensten und innersten Natur«, die ihn zu seiner
Handlungsweise aufrief, denn er war »seiner ganzen Natur nach [...] auf mehr
äußerliche Dinge« gestellt. Genau in diesem Punkt wird ihre Einschätzung von
der Erzählinstanz, die sich sonst mit Erklärungen stark zurückhält, bestätigt:
Schachs Suizid war die Lösung, »die dem Befehle seines Königs und dem Befehle
seiner eigenen Natur gleichmäßig entsprach«. Was in Bülows Augen als Willkürakt
erscheint, der das bloße Produkt eines allgemeinen gesellschaftlichen
Verblendungszusammenhangs ist, ist in Wahrheit der Ausdruck einer zutiefst
empfundenen inneren Notwendigkeit, die in der individuellen Natur des Menschen
Schach begründet liegt.
Das eigentliche Thema der Erzählung Schach von Wuthenow ist also die Würde und der Konflikt, der entsteht,
wenn ein Mann seine Würde von der Lächerlichkeit bedroht sieht. Die zentrale
Frage, um die der Text kreist, lautet: Ist diese Würde, die so sehr auf
Äußerlichkeiten, auf Rang, Orden und schönes Äußeres bedacht ist, bloß
Eitelkeit, ein hohles Fixiertsein auf den äußeren
Schein? Die Antwort lautet: Nein, nicht in jedem Fall. Wo diese Würde ein
innerstes Bedürfnis ist, Ausdruck der individuellen Natur eines Menschen, wo
sie einem hohen Ideal entspringt, das auf wirklich geglaubten Werten beruht,
dort ist sie kein leerer Wahn. Schach definiert seine Identität auch über
Äußerliches, da diese Identität durch Bilder (nämlich die seiner Vorfahren) vorgegeben
ist. Er kommt dem Zwang, seine Identität im Bereich des Kulturellen zu
definieren, nicht aus – da er seine Identität nicht preisgeben will, bleibt die
angedeutete Befreiung, die er im Raum der Natur erfährt, eine bloß theoretische
Möglichkeit. Schach wird vom Text nicht als eitler Geck vorgeführt, seine
Haltung ist kritikwürdig, da sie andere verletzt und für ihn selbst
verhängnisvoll ist, dennoch bleibt er gerade aufgrund dieser Haltung eine
eindrucksvolle, respektgebietende Figur.
Der Text zollt seinem Helden Schach diesen Respekt; für
sein tragisches, aber notwendiges Geschick gilt letztlich das, was Schach
selbst über die Tempelritter sagt: »Das Los und Schicksal aller Erscheinungen,
die sich, auch da noch, wo sie fehlen und irren, dem Alltäglichen entziehn.«
Die Erzählung Schach von Wuthenow
endet nicht mit einem Untergang, sie endet mit einem Neuanfang. Dieser
Neuanfang findet nicht in Berlin statt, sondern in Rom, und er ist keine
Fortsetzung der preußisch-protestantischen, sondern er kommt aus der südlichen,
katholischen Kultur. Victoire hat sich dem
Katholizismus zugewendet, Marienkult und Bilderverehrung sind ihr ebensowenig fremd wie der Wunderglaube. In gewisser Weise
bekommt Bülow also noch einmal Recht mit seinen Prophezeihungen:
Das Preußentum mitsamt seiner protestantischen Staatsreligion, die auf
Rationalität und Nüchternheit festgelegt ist, ist zum Untergang verdammt, in
der Emotionalität und im Mysterium des Katholizismus liegt die Zukunft. Die
fremde, südliche Kultur kann das, was sonst nur die Natur kann: Sie ist
»trostreich und labevoll, und kühl und schön«.
Irrungen Wirrungen
Mit Empörung reagierte ein Teil des Lesepublikums auf das
Erscheinen des Romans Irrungen, Wirrungen im Jahre 1887 in der Vossischen Zeitung; dem prüden Bürgertum der Gründerzeit
ging die Freizügigkeit der Darstellung außerehelicher Liebesverhältnisse zu
weit – »Wird denn die gräßliche Hurengeschichte nicht
bald aufhören?« fragte ein Mitinhaber des Blattes den Chefredakteur.
Ein Jahrhundert später fällt es schwer, in diesem Text in puncto Sexualität/Sitten etwas Anstößiges zu entdecken.
Wenn der heutige Leser so etwas wie 'Empörung' spürt, dann über die
Ergebenheit, mit der die beiden Hauptfiguren auf ihr persönliches Glück
verzichten und sich dem Diktat der Gesellschaft und der finanziellen Lage
beugen. Die offizielle Verbindung einer jungen Frau aus einer unteren
Gesellschaftsschicht mit einem Adligen galt als nicht akzeptabel, und Botho und
Lene halten durch ihre Trennung und spätere standesgemäße Heirat diese klare
Abgrenzung der Schichten aufrecht. Dabei ist das Thema der
klassenübergreifenden Liebe keineswegs neu. Spätestens seit der Aufklärung,
besonders aber in der Romantik, wurde die freie Wahl des Partners als
natürliche Konsequenz der Freiheit des Individuums betrachtet. Das
Zusammenprallen von (Liebes-) Ideal und gesellschaftlicher Realität fand
deshalb immer wieder Eingang in literarische Werke. Aber während etwa in
Schillers Kabale und Liebe das Liebespaar sich mit aller Kraft gegen die
feindlich eingestellte Umwelt wehrt, ist in Irrungen, Wirrungen von Widerstand
nichts zu bemerken.
Nicht einmal eine gemeinsame Flucht als Alternative zur
offenen Konfrontation wird erwogen; Botho und Lene handeln absolut
systemkonform, indem sie sich den äußeren Gegebenheiten widerstandslos fügen.
Vor allem Lene gibt sich keinerlei Illusionen hin (»Man muß
allem ehrlich ins Gesicht sehn und sich nichts weismachen lassen und vor allem
sich selber nichts weismachen«), sondern akzeptiert »von Anfang an«, daß die Verbindung mit Botho nicht von Dauer sein kann.
Lene hat die gesellschaftlichen Mechanismen verinnerlicht, und so
korrespondiert ihre fatalistische Haltung (»Ich hab’ es so kommen sehen«) mit
der im Roman festgestellten Abhängigkeit des Individuums von der Gesellschaft:
»ja, wer ist dieser Stärkre? Nun, entweder ist’s die Mutter oder das Gerede der
Menschen oder die Verhältnisse. Oder vielleicht alles drei«.
Konsequenterweise entwickelt Lene keine Zukunftsvisionen,
dafür aber auch keine Schuldgefühle:
Alles war mein freier Entschluß.
Ich habe dich von Herzen liebgehabt, [...] und wenn
es eine Schuld war, so war es meine Schuld. Und noch dazu eine Schuld, derer
ich mich [...] von ganzer Seele freue, denn sie war mein Glück.
Indem sie keinerlei Erwartungen hegt, ist sie in der Lage,
den Augenblick, d. h. die Nähe zu Botho ohne Einschränkung auszukosten. Hier
allerdings unterscheidet sich Lene radikal von ihren Standesgenossinen.
Während in den Figuren der Frau Dörr oder der Begleiterinnen von Bothos
Freunden ein für die damalige Zeit durchaus häufiger Typus der Geliebten
gezeichnet ist, die in einer Liason mit einem Adligen
in erster Linie finanzielle Vorteile sah, zählt für Lene ausschließlich die
emotionale Nähe:
'Jott, Kind, Sie verfärben sich
ja; Sie sind wohl am Ende mit hier dabei' – und sie wies aufs Herz – 'und tun
alles aus Liebe' Ja, Kind, denn is es schlimm, denn
gibt es ’nen Kladderadatsch.?
Mit ihrer nicht berechnenden Hingabe durchbricht sie die
gängigen Verhaltensmuster also in zweifacher Hinsicht; die 'Echtheit' ihrer
Liebe – die sich auch am völligen Fehlen eines Besitzanspruchs ablesen läßt (»wegfliegen wirst du, das seh’
ich klar und gewiß«) – erscheint im gegebenen
gesellschaftlichen Kontext als Ver-Irrung.
Es verwundert daher nicht, daß
für Botho Lenes »Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit« die entscheidenden
Charaktermerkmale sind, die es ihm »angetan« haben. Es muß
jedoch befremden, daß er diese Eigenschaften explizit
als »Kleinigkeiten« bezeichnet, und wirft die Frage auf, wie ernst seine
Gefühle überhaupt genommen werden können.
Auffallend ist seine Reaktion auf den Brief der Mutter:
»Dacht’ ich’s doch... Ich weiß schon, eh ich gelesen. Arme Lene«. Ohne jeden
Anflug von Bestürzung nimmt er das Ende seiner Beziehung als gegeben hin. Daß sein Mitleidsausruf nur Lene gilt, deutet darauf hin, daß ihm selber die neue Lage gar nicht so unangenehm sein
kann. Zweifellos empfindet Botho für Lene echte Zuneigung, die er während
seines anschließenden Ausritts noch einmal ausspricht (»Weil ich sie liebe«),
doch zeigt gerade seine Art der Auseinandersetzung mit der bevorstehenden
Trennung, wie wenig er tatsächlich 'leidet'. Ein unglücklich Liebender führt
keine derartigen inneren Monologe zu Pferde: Statt eines Aufschreis der
Verzweiflung erfolgt hier wortreiches Räsonnieren über das Scheitern seiner
Liebe.
Damit offenbart sich seine Unfähigkeit zu wirklich tiefen
Empfindungen, und sein »Widerwillen gegen alles Unwahre, Geschraubte,
Zurechtgemachte«, den er der Gesellschaft entgegenbringt, könnte sich ebenso
gut gegen ihn selbst richten. Im Grunde genommen spielt Botho die Rolle des
Liebenden, mehr als daß er sie tatsächlich lebt. So
fällt ihm der Abschied zwar nicht leicht, doch vollzieht er ihn nach allen
Regeln des Anstands mit brieflicher Vorankündigung und persönlicher Vorsprache
bei der Mutter: »Und nun geben Sie mir die Hand. So. Und nun gute Nacht«. Nur
Lenes vermeintliche Andeutung eines Suizids droht ihn vorübergehend aus der
Fassung zu bringen – hier könnte sich die Wirklichkeit seiner Kontrolle
entziehen.
Letztlich erscheint Bothos Leben als dauernde
Selbstinszenierung. Sei es, daß er sich von Mutter Nimptsch und Frau Dörr als adliger Galan bewundern läßt, sei es, daß er unter seinesgleichen
als Einzelgänger auftritt, der »fürs Natürliche« ist und sich als Kunstkenner
eingerichtet hat, oder sei es sein späteres Dahinleben als etwas
melancholischer, aber im Großen und Ganzen doch glücklicher Ehemann – stets
handelt es sich um eine fast theatralische Attitüde, für welche die
melodramatische Blumenniederlegung am Grab der Mutter Nimptsch
ein geradezu parodistisch anmutendes Beispiel gibt.
Wenn es aber um die Wirklichkeit geht, bleibt Botho von
diesem selbstentworfenen Bild weit entfernt und
verhält sich nicht anders als alle anderen adligen Offiziere seines Alters.
Ganz selbstverständlich verbringt er einen Großteil seiner Zeit mit seinen
Kameraden und im Klub, wo er vollständig integriert ist. An den von ihm als
oberflächlich bezeichneten Gesprächen nimmt er regen Anteil und setzt diese Art
der Konversation im Hause Nimptsch und vor allem mit
Frau Dörr munter fort. Ein Beispiel für seine mangelnde Bereitschaft zur
ehrlichen Konfrontation mit Problemen ist seine Reaktion auf Lenes Brief: Statt
auf den Inhalt (Lenes Ängste und Wünsche) einzugehen, hält er sich mit der
äußeren Form (Lenes Rechtschreibung) auf: »Wie gut sie schreibt! Kalligraphisch
gewiß und orthographisch beinah [...] der Brief ist
wie Lene selber, gut, treu, zuverlässig, und die Fehler machen ihn nur noch
reizender.«
Krass ist auch sein Auftreten nach der gemeinsamen
Liebesnacht in Hankels Ablage. Beim unerwarteten
Eintreffen seiner Freunde und deren Geliebten unternimmt Botho nichts, um seine
Intimität mit Lene zu wahren, sondern geht sofort auf deren 'Spiel' ein.
Dadurch stellt er Lene auf die gleiche Stufe mit den 'Ausgehaltenen', was sich
auch rein äußerlich am gemeinsamen Spaziergang der vier Frauen festmachen läßt.
Und schließlich enttäuscht er seinen Freund Rexin, der sich an ihn wendet, weil er in Bothos früherer
Beziehung zu Lene einen Unterschied zu den sonst üblichen Liebschaften
vermutet. Doch Botho offenbart in seinem 'Ratschlag' (»so beschwör’ ich Sie
denn, bleiben Sie davon«) den Grad seiner Identifizierung mit der
gesellschaftlichen Erwartungshaltung und entwertet damit nachträglich sein
Verhältnis zu Lene.
Am Rande sei noch bemerkt, daß
der Text sogar die angeblich zur Heirat zwingende finanzielle Notlage
relativiert. »Er hat 9000 jährlich und gibt 12000 aus«, wird über Botho
kommentiert – offensichtlich hätte schon eine weniger ausschweifende
Lebensführung ihn vom unmittelbaren Druck, sich zu verehlichen,
befreien können.
Irrungen, Wirrungen erzählt nicht die Geschichte eines Menschen, den die Gesellschaft an seinem persönlichen Glück hindert, weil Botho sich viel zu sehr mit deren Wertvorstellungen identifiziert und sich um keine wirkliche Alternative bemüht. Dennoch unterscheidet er sich von den meisten seiner Standesgenossen, indem er ein klares Bewußtsein für die Oberflächlichkeit und Unnatürlichkeit dieser Lebensform entwickelt hat. Die Kluft zwischen Realität und Ideal bleibt aber für ihn unüberbrückbar; dadurch ist er zu einer – auch nach seinem Selbstverständnis – wahrhaftigen Liebe nicht fähig. Für eine kurze Zeitspanne kann er mit Lene zumindest seine Sehnsucht danach ausleben, darüber hinaus gelangt Premierlieutenant im Kaiser-Kürassier-Regiment Botho Freiherr von Rienäcker allerdings nicht.